Montag, 3. September 2012

"Twitter Equality Quotient" (1): TV-Journalismus in Österreich

Diese Artikelreihe beschäftigt sich mit einem spezifischen Aspekt des Gender Gaps auf Twitter. Konkret geht es um die Frage, wie stark Männer bei Retweets Frauen gegenüber bevorzugt werden. Der Fokus liegt dabei auf Accounts von Personen, die in unterschiedlichen Bereichen der Fernsehbranche tätig sind.

Twee-Q ist ein Tool, das Retweets, also das Weiterleiten fremder Kurznachrichten a.k.a. Tweets an die eigenen FollowerInnen, nach Geschlecht aufschlüsselt. Ausgegeben wird sowohl eine prozentuale Quote als auch der sogenannte "Twee-Q" - eine Equality-Skala, die ein Ergebnis zwischen 1 (sehr unausgewogen) und 10 (sehr ausgewogen) liefert.

In diesem ersten Artikel wird das Retweet Verhalten österreichischer FernsehjournalistInnen untersucht. Ihnen kommt - ob sie das wollen oder nicht - in sozialen Netzwerken oftmals die Funktion von MultiplikatorInnen und MeinungsmacherInnen zu. Gerade deshalb wäre es wichtig, dass Ausgewogenheit hier nicht nur im herkömmlichen Verständnis eines journalistischen Objektivitätsgebots, sondern auch in Bezug auf Geschlecht, angestrebt wird.

Vorbildhaft, allerdings bei einer sehr niedrigen Zahl von Retweets und deshalb nur bedingt aussagekräftig, ist das Ergebnis von ATV Nachrichtenredakteurin Lisa S. Dittlbacher (@ls_dittlbacher). Sie hat genau 50 % Männer und 50 % Frauen retweeted und erreicht damit den Top-Wert 10. Die Zeit im Bild Moderatorin Lou Lorenz (@lou_lorenz) kommt auf eine 63/37 Quote zu Gunsten der Männer – ihr "Twee-Q" liegt bei 5.8. Nur geringfügig schlechter schneidet Tirol heute Moderatorin Katharina Kramer (@kathakramer) mit 64/36 und der Bewertung 5.6 ab. Genannte Accounts liegen über dem von Twee-Q angegebenen Durchschnitt, der aktuell bei 5 liegt.

Die ersten Männer finden sich sich ab einem Twee-Q von 3.2. Ebendiesen hat Manfred Schmid (@fredschmid), Reporter für ATV Aktuell, der zu 75 Prozent Männer und zu 25 Prozent Frauen retweetet. In einer ähnlichen Liga spielen Roman Rafreider (@romanrafreider) mit 76/24 und der ATV Journalist Florian Tietze (@floriantietze) mit 77/23. Beide kommen auf einen Wert von 3.

Die Club 2 Moderatorin und künftige Puls 4 Mitarbeiterin Corinna Milborn (@corinnamilborn) retweetet zu 78 % Männer und zu 22 % Frauen. Ihr "Twee-Q" beträgt 2.8. Laut Social Media Radar ist Milborn mit 6.774 FollowerInnen die einzige Frau in den österreichischen Twitter Top Ten und damit eine wichtige Multiplikatorin. Auch ATV Redakteurin Sophia Angelides (@sophiaangelides) retweetet in einem Verhältnis von 78/22.

Der ORF Journalist und Moderator des Magazins Orientierung Christoph Riedl (@christophriedl) retweetet zu 83 % Männer, zu 17 % Frauen und kommt damit auf einen Wert von 2. Das darf insofern nicht überraschen, als er beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen für die Berichterstattung über Religionen zuständig ist. Selbige sind bekanntlich - insbesondere was die repräsentative Ebene betrifft - sehr männerzentriert.

Und jetzt ein kleines Quiz: Was haben die ORF Journalisten Dieter Bornemann, Peter Teubenbacher und Armin Wolf gemeinsam? Die Antwort: Ein Retweet-Geschlechterverhältnis von 84/16 zu Gunsten der Männer und einen "Twee-Q" zwischen 2 (@DieterBornemann, @ArminWolf) und 1,8 (@PeterTeubenbach).

Den Negativrekord im klassischen TV-Journalismus Bereich stellt Robert Wiesner (@robertwiesner), Sendungsverantwortlicher des ORF Report, auf. Nur 11 % seiner Retweets stammen von Frauen. Das ergibt ein Twee-Q von gerade einmal 1.2 bei - das sei fairerweise dazu gesagt - einer relativ geringen Gesamtzahl an Retweets.

Alles in den Schatten stellt jedoch Robert Misik (@misik), der zwar kein TV-Journalist im engeren Sinne, aber einer der wichtigsten Videoblogger in Österreich und zudem bekennender Linker ist. Nur 6 % seiner Retweets stammen von Frauen, was seinem Twitter-Account einen "Twee-Q" unterhalb von 1 beschert. 0.6 beträgt der ausgegebene Equality-Wert, was die Twee-Q Seite wie folgt kommentiert: "Ouch, this might be bad - the retweets are far from equal. The account owner should propably try to find way more female bliss."

Es ist auffällig, dass keine der hier aufgelisteten österreichischen TV-JournalistInnen mehr Frauen als Männer retweetet. Desto mehr FollowerInnen ein Account hat, desto weniger Tweets von Frauen werden weitergeleitet. Je zentraler der jeweilige Account im Twitter-Netzwerk aufscheint, um so wirksamer scheinen die oftmals beschriebenen Männernetzwerke zu werden. Hinzu kommt ein deutliches Gefälle zwischen Fernsehjournalistinnen und ihren männlichen Kollegen, wobei erstere tendenziell mehr Frauen retweeten als letztere.

"Twitter Equality Quotient" (2): Unterhaltung
"Twitter Equality Quotient" (3): Fernsehsender

Coming soon...
"Twitter Equality Quotient" (4): Medien- und Fernsehkritik

Disclaimer
Sämtliche Abfragen wurden zwischen 2. und 3. September 2012 durchgeführt. Alle genannten Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen. Sie geben zwar eine Tendenz wieder - wer sich tatsächlich hinter den jeweiligen Accounts verbirgt, ist anhand des Twitter-Profils aber oft nicht eindeutig auszumachen. Erst recht nicht, wenn die Abfragen - wie bei Twee-Q - automatisiert passieren. Die Veröffentlichung dieser Zahlen ist nicht als Angriff auf einzelne Accounts und die dahinterstehenden Personen zu verstehen, sondern soll als Denkanstoß bezüglich des individuellen Retweetverhaltens dienen.



Kommentare:

  1. ein sehr spannendes tool und zugleich erschreckend zu sehen, dass man selbst - trotz gegenteiliger vorsaetze - nur unterdurchschnittlich abschneidet. hat mich ueberrascht, dass ich zu 80 prozent maenner retweete und gelobe besserung!

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  2. Das Ergebnis überrascht nicht. Die Twitterstudie der Uni Wien, die vor ein paar Monaten veröffentlicht worden ist, hat gezeigt, dass das Zentrum des österreichischen Twitteruniversums von Männer-Seilschaften dominiert wird. Die Frauen werden an den Rand gedrängt.

    Zur Studie geht's hier: http://www.univie.ac.at/twitterpolitik/studie/TwitterPolitik_Studie.pdf (Grafik S. 34, "Keine Frauennetzwerke, aber Männernetzwerke")

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