Dienstag, 12. April 2011

Wenn das Publikum unerträglicher als die Sendung ist

Noch unerträglicher als die ProduzentInnen von (Pseudo-)Reality-Fernsehunterhaltung sind die überheblichen (Pseudo-)Kritiken an diesen Formaten. Viele Kommentare zu Frauentausch (RTL 2) vom 7. April 2011 auf Youtube, Facebook oder Twitter sind um einiges jenseitiger und politisch reaktionärer als die Sendung selbst (und das ist in diesem Fall eine beachtliche Leistung!).

Mit Adjektiven wie "assozial", "pervers" oder "verrückt" werden im Web 2.0 Ausschnitte aus der jüngsten Folge von Frauentausch kommentiert. Konkret geht es um die Wohnverhältnisse sowie das Familien- und Sexleben von Sandra und Andreas aus Leipzig, das für Aufregung sowohl bei der Tauschmutter als auch in der Internetcommunity sorgt.

Die Kommentare unter Youtube-Videos, die Titel wie "Psychopath Andreas rastet total aus" oder "Sex Tipps von einer 'Sexy' Braut!" haben, sind in mehrfacher Hinsicht daneben. Nicht nur, dass der rechtskonservative Kampfbegriff "Unterschichtenfernsehen" wieder einmal wie die sprichwörtliche Sau durchs Dorf gejagt wird – auch die Produktionskontexte werden weitgehend ausgeblendet. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang etwa an die (dank schlechter schauspielerischer Leistungen) wirklich offensichtlichen scripted reality Anteile dieser Folge. Das betrifft insbesondere die beanstandeten Sexszenen. Die Montage der Bilder und der herabwürdigende Musikeinsatz tun das Übrige.

Statt die manipulativen Erzählstrategien der ProduzentInnen zu kritisieren, grenzt sich das Publikum lieber von den KandidatInnen ab. Die einen werten so die eigene traurige Existenz temporär auf. Die anderen festigen ihre Identität als vermeintlich "normal" = nicht "assozial", "pervers" oder "verrückt" (das sind ja bekanntlich immer die anderen).

Doch was hier im konkreten Fall derart herabgesetzt wird, verdient genauere Betrachtung. Nicht zuletzt, weil sich Postings häufen, in denen gefordert wird, dass Maria - die Tochter von Sandra und Andreas - vom Jugendamt "herausgeholt" werden solle.
Und warum? 1. Weil ihre Eltern hin und wieder in den Swingerclub gehen. 2. Weil sie zu Hause Sex haben, während ihre Tochter schläft. 3. Weil sich im Kühlschrank abgelaufene Lebensmittel befinden.

Was trotz der mutmaßlich tendenziösen und manipulativen Darstellung nicht unter den Tisch fällt, ist folgendes: Tochter Maria ist aufgeweckt, intelligent und für ihr Alter auffällig selbstständig. Die Hausarbeit ist bei Sandra und Andreas deutlich gleichmäßiger verteilt als bei der Tauschfamilie. Nichts deutet darauf hin, dass Maria bei ihren Eltern in Gefahr sei und "herausgeholt" werden müsse.

Die Mehrheit der Postings zu Frauentausch vom 7. April 2011 folgen der Logik einer Abgrenzung nach unten, kombiniert mit normativen und pro-patriarchalen Argumentationen. Das trifft übrigens nicht nur auf die Kommentare gegen Sandra und Andreas, sondern auch auf die zur anderen Tauschfamilie zu. Denn auch hier wird Primär das auf größtmögliche Hygiene abzielende Verhalten der Tauschmutter als Steilvorlage für sexistische Witze herangezogen, während das absolute Desinteresse ihres Mannes an Haushaltsfragen von den ZuseherInnen selten bis gar nicht thematisiert wird.


Kommentare:

  1. http://www.drs.ch/www/de/drs/sendungen/reflexe/2741.sh10172388.html

    Die erfundene Wirklichkeit im Fernsehen

    guter 30 Minuten Beitrag aus dem schweizer Radio DRS2

    AntwortenLöschen
  2. >>Nicht nur, dass der rechtskonservative Kampfbegriff "Unterschichtenfernsehen" wieder einmal wie die sprichwörtliche Sau durchs Dorf gejagt wird<<

    Rechtskonservativ ? Ach was. Der Begriff stammt ursprünglich aus dem Milieu der Bionade-Bourgeoisie. Und inwiefern es sich um einen Kampfbegriff handelt, leuchtet mir auch nicht ein.

    AntwortenLöschen