Donnerstag, 27. Dezember 2012

Ist nicht nur das deutsche Fernsehen, sondern auch die Kritik daran, gescheitert?

Am 25. Dezember 2012 wurde auf dem Blog von fernsehlexikon.de ein Text mit der Überschrift "Das deutsche Fernsehen wird 60 - Warum es gescheitert ist" veröffentlicht.

Eigentlich schätze ich das Fernsehlexikon. Die Seite bietet ein umfangreiches Archiv zu in Deutschland ausgestrahlten Fernsehproduktionen und regelmäßig kommen neue Einträge dazu. Ergänzend gibt es einen informativen Blog. Aus diesen Gründen findet sich fernsehlexikon.de auch auf der Linkliste dieses Blogs. Den Blogeintrag „Das deutsche Fernsehen wird 60 - Warum es gescheitert ist“ finde ich jedoch in mehrfacher Hinsicht problematisch, weshalb ich hier ausführlich darlegen möchte, warum.

Mit der Grundthese des Textes gehe ich mit. Das deutsche Fernsehen ist tatsächlich gescheitert. Auf ganz vielen Ebenen. Am Ende des Textes heißt es: "Für mich ist es deshalb nicht so, dass das Fernsehen in seiner jetzigen Form keine Zukunft hat. Es hat längst keine Gegenwart mehr." Die Beispiele, an denen der Text dies festmacht, ließen mich jedoch stutzig werden.

Die Synchronisation

Teilen kann ich die Kritik am Umgang deutscher Sender mit englischsprachigen Serien, die die Synchronisation oftmals mutwillig inhaltlich entstellt. Besonders schlimm ist das bei lustigen Serien (und Filmen!), die nicht nur holprig übersetzt, sondern auch mit deutschem Holzhammer-Humor aufgeladen und von subtilem Witz weitgehend erleichtert werden.

Auch das beliebige Kürzen, sowohl ganzer Serienfolgen als auch einzelner Sequenzen in den Folgen, wird zu Recht beanstandet. Dennoch fällt auf, dass der Text nicht benennt, in welchem Bereich das deutsche Fernsehen derartige Kürzungen historisch oftmals vorgenommen hat. In der deutschen Film- und TV-Synchronisationsgeschichte gibt es viele Beispiele für sinnentstellende Übersetzungen, sobald der Nationalsozialismus zur Sprache gebracht wird. Obwohl die Serie Columbo (NBC) in diesem Zusammenhang als Beispiel erwähnt wird, bleibt unerwähnt, dass eine ganze Columbo-Folge falsch übersetzt und umgeschnitten wurde, nur weil man dem deutschen TV-Publikum eine Ausseinandersetzung mit den Verbrechen der NS-Zeit nicht zumuten wollte. Casablanca lief im deutschsprachigen Raum zunächst in einer bewusst falsch übersetzten Schnittfassung, die dem Film eine gänzlich andere Handlung gab. Ähnlich wurde in Serien wie Star Trek (NBC) oder The Twilight Zone (CBS) eingegriffen. Kein einziger Hinweis darauf schaffte es in den Text. Dabei ließe sich die Kritik an inhaltlichen Eingriffen in Originaldrehbücher durch die deutsche Synchronisation und dem nachträglichen Anfertigen von Schnittfassungen, gerade im Wissen ihrer postnazistischen Traditionslinien, um einiges treffender formulieren.

Insgesamt seltsam, aber zumindest formal richtig, finde ich die Kritik an den falsch gesetzten Werbepausen im deutschen Privatfernsehen. Ich sehe es nicht als Aufgabe von Fernsehkritik an, das Timing von Werbeeinsätzen zu kritisieren. Aber - und dieser Punkt hat dann doch Gewicht - es zeigt, wie beliebig die Sender mit den von ihnen eingekauften Serienwaren umgehen, wenn sie nicht einmal die Dramaturgien amerikanischer Serien, die auf den Zeitpunkt der Werbepausen abgestimmt sind, ernst nehmen - nämlich im Sinne ihrer eigenen WerbekundInnen. Was mir in diesem Zusammenhang aber fehlt, ist eine weitergehende Kritik daran, dass öffentlich-rechtliches Fernsehen überhaupt kommerzielle Werbung ausstrahlt. Stattdessen ist zu lesen:
"Dass Fernsehsendungen überhaupt von Werbung unterbrochen werden, ist nicht das Problem. Irgendwie muss das Programm schließlich finanziert werden."
Dass diese Irgendwie-Finanzierung von Konzernen kommt und was die Abhängigkeit großer Medienunternehmen von ebensolchen demokratiepolitisch bedeutet, wird hier verdrängt. Die Forderung, dass zumindest öffentlich-rechtliches Fernsehen werbefrei sein sollte, um die Abhängigkeiten privater Medienhäuser nicht auch noch im öffentlich-rechtlichen Sektor zu reproduzieren, sucht man in dem Text ebenfalls vergeblich.

Ein jenseitiger, hinkender Vergleich, der dennoch etwas trifft...

Faszinierend ist, was deutscher Fernsehkritik - nicht nur, aber bezeichnenderweise auch in diesem Text von fernsehlexikon.de - an positiven Beispielen für Fernsehen einfällt: Neben Joko & Klaas sind das im konkreten Fall Schlag den Raab (ProSieben) und die heute-show (ZDF). Die selbstbewusst vorgetragene Fetischisierung der Jugend bzw. des Nachwuchses, die der Text betreibt, erspart der LeserIn immerhin ein Abfeiern des Fernsehens von Alexander Kluge oder Harald Schmidt. Zumindest in diesem Punkt hebt sich der Text positiv von den üblichen Tendenzen deutscher Fernsehdebatten ab.

Würde man diesen Text auf britische TV-Verhältnisse umlegen, wäre das ein bisschen so, als würde Charlie Brooker ein Pamplet verfassen, in dem er sämtlichen britischen TV-Sendern die Kompetenz Fernsehen auszustrahlen abspricht. Das wäre nicht so überraschend. Allerdings würde Brooker am Ende des Artikels wohl kaum schreiben, dass er das meiste von dem, was er kritisiert, mittlerweile gar nicht mehr schaut, er nur Top Gear (BBC Two) und alles, was Noel Edmonds je gemacht hat, interessant findet und er außerdem dafür wäre, Jimmy Savile zurück ins Fernsehen zu holen.

Zugegeben. Dieser Vergleich hinkt in vielerlei Hinsicht. Top Gear ist keine Nachwuchsförderung (sieht man von den schicken Neuwagen ab), ist aber quasi die britische Version des deutsch/österreichishen "Nach oben buckeln, nach unten treten"-Humors. Kaum jemand, der sich ernsthaft mit Fernsehen auseinandersetzt, würde sich positiv auf das Schaffen von Noel Edmonds beziehen, wobei ich der Ansicht bin, dass selbiges auch auf Stefan Raab zutreffen müsste. Besonders grenzwertig ist der letzte Vergleich. Denn während es bei Jimmy Savile um vielfache Vergewaltigung geht, haben Joko & Klaas "nur" eine Frau an ihrem Arbeitsplatz sexuell belästigt und dem TV-Publikum gezeigt, wie lustig das ihrer Ansicht nach sein kann. Im Unterschied zu Savile sind Joko & Klaas auch nicht tot und posthum in Ungnade gefallen, was den Vergleich wohl endgültig zu Fall bringt. Dennoch ist es faszinierend, wie bruchlos männliche Moderatorenkarrieren im deutschen Fernsehen, selbst nach derartigen Vorfällen, weitergehen können und wie sich sogar kritische TV-Blogs am andauernden Hype beteiligen. Das klingt dann z.B. so:
"In den dritten Programmen und den Digitalkanälen gibt es talentierte junge Leute. Aber niemand traut sich, sie auf ein großes Publikum loszulassen. So hat das ZDF zum Beispiel Joko & Klaas verloren."
Hier wird Argumentation durch Namedropping ersetzt. Die LeserIn erfährt nicht, was so schlimm daran sein soll, dass Joko & Klaas nicht mehr beim ZDF sind. Variable Kategorien wie Talent und Jugendlichkeit werden als Lösungskonzepte suggeriert, ohne sie inhaltlich zu befüllen.

Jung, männlich und im Fernsehen

Der Text hinterlässt viele Fragezeichen. Sichtbar wird lediglich, wie gut sich Fernsehen und Fernsehkritik in Deutschland beim Scheitern ergänzen. Ebenso wie sich der Text weigert, zentrale gesellschaftliche Zerwürfnisse einer postnationalsozialistischen deutschen Gesellschaft einzugedenken, sperrte und sperrt sich deutsches Fernsehen über weite Strecken dagegen, die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen es produziert wird, zur Darstellung zu bringen.

Statt intelligentes, reflexives Fernsehen oder wenigstens radikaleren, weniger herrschaftsaffirmativen Humor einzufordern, jubelt man am Ende des Textes den gerade angesagtesten hohlen Hipstern zu und grenzt sie von den hohlen Hipstern früherer Jahre ab. Die ProSieben/Ex-ZDF-Grapscher sind demnach gerade frisch "Yea!", Stefan Raab ist es nach wie vor, Thomas Gottschalk war es lange, ist mittlerweile aber "Bäh!". Fernsehkritik kann mehr! Fernsehen eigentlich auch.


1 Kommentar:

  1. In einem Punkt sind wir uns doch alle einig: Das deutsche Fernsehen ist zu 80 % Müll, oder?

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